„Fahr Dich runter“: Warum Aggressionen im Straßenverkehr so gefährlich sind

dateFreitag, 5. Juli, 2019

Aggressionen im Straßenverkehr nehmen zu. Immer häufiger wird die Polizei auf den Autobahnen zu Einsätzen gerufen, bei denen es um „Drängelei“, aggressives „Rechtsüberholen“, gefährliche Ausbremsaktionen oder Raserei geht. Oft werden die Fahrzeugführer in solchen Situationen als aggressiv und aufbrausend beschrieben. Doch gerade als Fahrer sollte ich stets einen kühlen Kopf bewahren, um in Extremsituationen angemessen zu reagieren.

§ 1 StVO Grundregel

  1. Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
  2. Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Oft wird aggressives Verhalten auf zu viel Stress zurückgeführt. Stress bedeutet laut Definition (Duden) eine erhöhte Beanspruchung bzw. Belastung physischer oder psychischer Art. Dabei reagiert der Mensch auf zu viel oder sehr starken Stress in der Regel mit Angriff, Flucht oder „totstellen“. Auf der körperlichen Ebene werden in diesen Ausnahmesituationen die Muskeln angespannt und das Herz- Kreislaufsystems aktiviert. Auf der emotionalen Ebene kann es zu starken Gefühlsreaktionen kommen. Bin ich dauerhaft gestresst, reichen kleine Auslöser (Verzögerung durch Stau, langsames Fahren usw.) aus, um eine Überreaktion hervorzurufen. Das ist der so genannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In dem Moment besteht die Gefahr, dass ich überreagiere und die Kontrolle verliere (dichtes Auffahren, Drängeln, Lichthupe usw.) – mit oft fatalen Folgen.

Präventionstipp bei Stress/Überforderung

  • Gut strukturierter Tagesablauf
  • Zeitliche Reserven wenn möglich einplanen
  • Nicht mehrere Sachen zur gleichen Zeit bearbeiten
  • Von außen veranlasste Reize minimieren (z.B. nicht zeitgleich telefonieren, fahren, Navi bedienen, Radio hören, Lieferpapiere durchsehen usw.)
  • Viel Bewegung
  • Beruhigung durch richtige Atmung, Entspannungsübungen
  • Schöne Gedanken machen (Familie, Urlaub usw.)

Präventionstipp bei Müdigkeit

  • Achtung Sekundenschlaf (bei ersten Anzeichen sofort pausieren)
  • Fahrzeug verlassen, Bewegung und frische Luft helfen
  • Wenn möglich anhalten und kurz schlafen (höchstens bis 20 Minuten).
  • Auf die richtige Ernährung achten. Besonders fettreiche Mahlzeiten führen oft dazu, dass der Körper alle Reserven für die Verarbeitung braucht und man sich dadurch noch müder fühlt.
  • Ruhezeiten wirklich zur Erholung nutzen

Achtung! Kaffee, laute Musik oder Ablenkung sind ungeeignet, um sich wach zu halten.

Lerne Dich selber kennen!

Selbsteinschätzung, eigene Warnsignale bzw. Hemmschwelle kennen und sich im Vorfeld Bewältigungsstrategien überlegen.

  • Temperamentvolle Charaktere sind oft schneller risikofreudig und lassen sich hinreißen.
  • Bei defensiven Charakteren baut sich Frust langsamer auf, kann jedoch irgendwann zu einer Explosion führen.

Achtung: Alkohol ist ein „falscher Helfer“!

Abends etwas zu trinken, um besser einschlafen zu können, ist in der Regel kontraproduktiv. Der Alkohol macht schnell müde, führt aber dazu, dass durch die Wirkstoffe eine Tiefschlafphase, und damit die eigentliche Erholung für den Körper zu kurz kommt.

Problemfall Vorsatz

Aggressives Verhalten auf den Straßen sollte auf jeden Fall vermieden werden. Ein Problem sind die Fahrer, die sich geplant und vorsätzlich mit dem Ziel, möglichst riskant unterwegs zu sein, auf die Straßen begeben. Zu dieser Gruppe gehören die Teilnehmer von illegalen Autorennen. Daher hat der Gesetzgeber im Oktober 2017 einen neuen Straftatbestand eingeführt:

§ 315d StGB: Verbotene Kraftfahrzeugrennen

Hier macht sich strafbar, wer ein nicht erlaubtes Rennen ausrichtet oder durchführt, teilnimmt oder sich als Kraftfahrzeugführer mit nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen.

Weitere mögliche Tatbestände:

  • § 29 StVO übermäßige Straßenbenutzung (z.B. Autorennen, nicht genehmigte Schwerlastfahrten oder Konvoifahrten u.ä.)
  • § 240 StGB Nötigung
  • § 142 StGB unerlaubtes Entfernen von der Unfallstelle

Ordnungswidrigkeiten:

Abstandverstöße, Geschwindigkeitsverstöße, Rechtsfahrgebot, Überholverbot, Vorfahrtsverstöße, sonstige Pflichten des Fahrzeugführers.

Vorrausschauende Fahrweise, defensives anstatt aggressives Verhalten und Fehler anderer Verkehrsteilnehmer verzeihen schafft mehr Verkehrssicherheit für alle!

Written by Martina Habeck

Polizeioberkommissarin und Verkehrssicherheitsberaterin der Polizei Münster
Die Verkehrssicherheitsberatung der Polizei Münster informiert Fahrerinnen und Fahrer im gewerblichen Güter- und Personenverkehr kostenlos durch den Versand von regelmäßigen „Informations-Mails“.


Comment Reply

Hallo Frau Habeck, ich möchte Ihnen sagen, dass der Artikel meiner Meinung nach zwar inhaltlich richtig, jedoch zu einseitig und oberflächlich gehalten ist.
Ich bin seit 30 Jahren hauptberuflich mit Firmenfahrzeugen unterwegs und in über 30 Jahren nachweißlich mehr als 2,5 Millionen Kilometer UNFALLFREI (ohne selbstverschuldeten Unfall) gefahren.
Mein Beruf lässt zudem einen tieferen Blick in die Verkehrspsychologie zu, womit ich wohl schon behaupten kann, etwas Erfahrung mitzubringen und mir ein bescheidenes Urteil erlauben zu dürfen.
Ja, es wird immer aggressiver gefahren, doch meinem Empfinden nach, ist es meist die vermeintlich „passive“ Aggressivität von immer mehr Fahrern die oft zu aktiver Aggressivität führt.
Ich habe das Gefühl, die Fahrausbildung ist immer schlechter und oberflächlicher und immer mehr Menschen fahren ohne jede Kenntnis der allgemeinen Regeln. Und LKW-Fahrer die nach dem BKrFQG ja eigentlich bestens geschult und ausgebildet sein müssten, toppen das dann noch.
Sie erwähnen § 1 StVO Grundregel
1. Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
2. Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
Doch fahren Sie mal so 4.000 bis 10.000 km quer durch Deutschland innerhalb von einem Monat, dann werden sie sehen, wie viele Fahrzeugführer gegen die oben stehenden Grundregeln verstoßen… nicht indem sie drängeln, hupen, rasen, schimpfen oder rechst überholen.
Diese fallen „passiv“ aggressiv auf, weil sie ausscheren ohne zu blinken, weil sie wohl niemals etwas vom „Rechstfahrgebot“ gehört haben, weil sie einfach auf die linke Spur wechseln und den Mindestabstand halbieren, obwohl hinter mir kein anderes Auto mehr gekommen wäre.
Es ist heute fast nicht mehr möglich sagen wir bei 140 km/h auf Dauer einen Mindestabstand zu halten, weil spätestens nach 500 Meter garantiert ein oder gar zwei Fahrzeuge von rechts in die Lücke fahren… bremst man dann ab (weil man will ja den Mindestanstand wahren, ist auch gleich schon der nächste in die neu entstandene Lücke gefahren… nicht zu schnell, nicht offensichtlich aggressiv, doch eben ohne jegliche Voraus- und Rücksicht.
Nun und dann gibt es die Baustellen-Sperrer die meinen sie müssten in der Baustelle beide Spuren blockieren, weil sie haben da mal was bei den LKWs gesehen oder aus welchen Grund sie das auch immer machen.
Nicht zu vergessen die LKWs… Überholverbot, Rechtsfahrgebot besonders bei Staus usw. usw. scheint es für die meisten LKW-Fahrer wohl gar nicht mehr zu geben.
All das wird noch dadurch begünstigt, dass die Polizei wohl immer mehr überfordert ist und immer weniger auf den Straßen und Autobahnen unterwegs (Präsent) ist. Wenn Präsents, dann nur um irgendwelche Abstandkontrollen durchzuführen und Autofahrer, denen nun zum 10. Mal der Sicherheitsabstand verkürzt wurde, mit einer absolut unberechtigten Anschuldigung, viel Geld und die Fahrerlaubnis zu nehmen.
Ich selbst wurde schon 2mal angeklagt, weil ich angeblich keinen Abstand gehalten habe… zumindest war dies laut Polizei so auf dem Video zu sehen. Erst bei der Verhandlung, der Analyse des Videos der Polizei und der Gegenüberstellung des Geschehens auf meiner eigenen Dashcam zum identischen Zeitpunkt wurden die Anklagepunkte fallen gelassen.
In beiden Fällen hätte ich ohne meine Dashcam keine Chance gehabt, hätte viel Strafe zahlen müssen und wäre jeweils 3 Monate meine Fahrerlaubnis los gewesen.
In beiden Fällen wäre ich als aggressiver Fahrer in die Statistik mit eingeflossen… und ich möchte nicht wissen, wie vielen es ebenso geht… nur hatten die eben keine Dashcam an Bord.
Ja und dass macht dann aus einem sehr besonnenen und aufmerksamen Fahrer dann ab und an doch einen recht wütenden Fahrer, der dann auch mal gereizt oder aggressiv ist, weil er Tag für Tag feststellen muss, dass immer weniger Rücksicht nehmen, Vorrausschauend fahren oder auch nur die normalen Regeln kennen.
Dadurch kommt es vor, dass man schon mal rechts überholt, weil da einer über viele Kilometer stur mit 110 km/h nur links fährt, obwohl in der Mitte oder rechts kein einziges anderes Auto war.
Warum schreiben Sie nicht dazu, wie sich ein Autofahrer verhalten soll (ohne sich strafbar zu machen), wenn er von einem notorischen Linksfahrer genötigt wird über 8 oder 10 km nicht schneller als 110 zu fahren, obwohl recht weit und breit kein anderes Fahrzeug zu sehen ist.
Weshalb erläutern Sie nicht die Vorgehensweise, wenn immer und immer wieder der Abstand ohne jede Rücksicht verkürzt oder halbiert wird? Eventuell wären dann so manche weniger aktiv aggressiv.


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